Jedes Klavier hat seinen eigenen Charakter. Zwei Instrumente können technisch einwandfrei gestimmt sein und dennoch vollkommen unterschiedlich klingen. Genau diese Unterschiede machen für mich einen wesentlichen Teil der Arbeit als Klavierstimmer aus.
Wenn ich ein Klavier stimme, geht es mir deshalb nicht nur darum, jeden einzelnen Ton auf die richtige Höhe zu bringen. Zunächst versuche ich herauszufinden, was für ein Instrument vor mir steht: Wie klingt es? Wo liegen seine Stärken? Ist sein Klang eher warm und weich, klar und brillant, kräftig oder zurückhaltend?
Mein Ziel ist es, diesen vorhandenen Charakter nicht zu überdecken, sondern die guten Eigenschaften des jeweiligen Klaviers hervorzuheben und möglichst viel aus dem Instrument herauszuholen.
Dabei hilft mir meine eigene musikalische Erfahrung. Ich bin selbst Musiker, spiele Klavier und habe über zehn Jahre als Klavierlehrer gearbeitet. In dieser Zeit habe ich sehr unterschiedliche Klaviere kennengelernt und erlebt, wie verschieden Instrumente auf den Spieler reagieren und wie unterschiedlich ihre klanglichen Möglichkeiten sein können.
Auch während einer Stimmung betrachte ich deshalb nicht nur den einzelnen Ton. Entscheidend ist für mich immer das Zusammenspiel des gesamten Instruments. Nach der eigentlichen Stimmung spiele ich das Klavier und höre es über den gesamten Tonumfang hinweg noch einmal im musikalischen Zusammenhang. Dabei zeigt sich oft sehr schnell, ob einzelne Töne noch einmal nachgearbeitet werden müssen oder ob das Klangbild als Ganzes stimmig ist.
Am Ende soll das Klavier nicht einfach nur „gestimmt“ sein. Es soll wieder möglichst gut als das Instrument klingen, das es ist.